Märchen

Der Pflegevater

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11. Dezember 2016

Es waren einmal drei Brüder, die hatten weder Vater noch Mutter, weder Haus noch Hof. Sie gingen durch die Dörfer und wollten sich als Arbeiter verdingen und dachten: Ach, wenn wir doch einen guten Herrn fänden. Da kam ein alter Mann die Straße entlang – ur-uralt, mit einem weißen Bart, der bis auf den Bauch reichte -, der holte die Brüder ein und sprach: „Wohin des Wegs, liebe Kinder?“
Sie antworteten: „Wir suchen Arbeit.“
„Habt ihr denn keine Wirtschaft?“
„Nein“, sprachen sie. „Doch wenn wir einen guten Herrn fänden, so wollten wir redlich bei ihm arbeiten, auf ihn hören und ihn achten wie einen leiblichen Vater.“
Der Greis bedachte sich’s eine Weile und sprach: „Seid meine Söhne, und ich will euer Vater sein. Ich will euch zu wackeren Menschen machen und euch lehren, recht und redlich zu leben. Aber ihr müsst auf mich hören.“
Die Brüder willigten ein und folgten dem Greis durch dunkle Wälder und weite Felder.
Wie sie so gingen, sahen sie mit einem mal ein Häuschen stehen, schmuck und blank, mit bunten Blumen rundherum; und dahinter war ein Kirschgarten. Im Garten aber stand ein Mädchen, das war so hübsch und lustig anzusehen wie die Blumen selber. Der älteste Bruder guckte sie an und rief: „Ach, hätte ich das Mädchen zum Weibe und ein paar gute Kühe und Ochsen dazu!“
„Nun“, sprach der Greis, „kannst um sie freien, dann hast du eine Frau und Kühe und Ochsen auch. Lebe glücklich, und bleib immer bei der Wahrheit!“
So feierten sie eine lustige Hochzeit. Der älteste Bruder bekam die Wirtschaft und lebte fortan mit seiner jungen Frau in jenem Haus.
Der Greis zog weiter mit den jüngeren Brüdern durch dunkle Wälder und weite Felder. Da sahen sie ein weißes Häuschen stehen. Dicht dabei war ein Teich und neben dem Teich eine Mühle. Am Hause aber stand ein hübsches Mädchen und arbeitete emsig. Der zweite Bruder sah ihr zu und rief: „Ach, hätte ich dieses Mädchen zum Weibe und als Mitgift die Mühle mit dem Teich! Ich wollte mich in die Mühle setzen und Mehl mahlen und wäre immer satt und zufrieden.“
„Tu, wie’s dir gefällt, mein Sohn!“ sprach da der Greis.
Der zweite Bruder freite um das Mädchen, hielt Hochzeit und blieb mit seiner jungen Frau in jenem Haus zurück. „Lebe glücklich, mein Sohn, und bleib immer bei der Wahrheit“, sagte zum Abschied der Greis.
Nun war nur noch der jüngste Bruder übrig. Sie gingen weiter und sahen ein ärmliches Häuschen stehen. Ein Mädchen kam heraus, schön wie der Morgen, doch ärmlich gekleidet. Ein Flicken saß neben dem anderen auf ihrem Kleid. Da sprach der jüngste Bruder: „Ach, hätte ich dieses Mädchen zum Weibe! Wir würden arbeiten und hätten unser Auskommen. Wir würden auch die Armen nicht vergessen, würden das letzte Stück Brot mit ihnen teilen.“
„Gut, mein Sohn“, sprach da der Greis. „So soll es sein. Vergiss nur eines nicht: Bleib immer bei der Wahrheit!“ Und er vermählte auch den jüngsten Sohn und zog weiter seine Straße.
Die Brüder lebten nun jeder auf seine Weise. Der Älteste wurde so reich, dass er sich Häuser baute, Dukaten anhäufte und immer nur sann, wie er die Dukaten vermehren könnte. Einem Armen aber zu helfen, daran dachte er nicht, denn er war sehr geizig geworden.
Auch der zweite Bruder wurde reich, ließ die Knechte für sich arbeiten, lag selbst auf der faulen Haut und verstand nur zu befehlen.
Der jüngste Bruder aber lebte still vor sich hin: Kam etwas ins Haus, so teilte er es mit den Leuten; und gab es nichts, so war es auch nicht schade.
Als nun der Greis wieder einmal so durch die Welt wanderte, wollte er sehen, wie seine Söhne lebten und ob sie auch immer bei der Wahrheit geblieben seien.
Er ging als Bettler zum ältesten Sohn, trat auf den Hof, verneigte sich und sprach: „Ach Herr, gebt einem alten Bettelmann ein Gnadenbrot von eurem Überfluss!“
Der Sohn aber sprach: „Du bist nicht so alt, wie du dich stellst. Wenn du nur wolltest, du könntest wohl arbeiten. Ich selbst bin auch vor kurzem erst zu etwas gekommen. Scher dich weg!“
Die Truhen aber barsten von seinem Hab und Gut, neue Häuser hatte er gebaut, die Kammern standen alle voll, Korn füllte die Speicher, und das Geld war nicht zu zählen – doch Gaben verteilte er nicht!
Mit leeren Händen ging der Greis wieder fort. Er ging wohl eine Meile, dann stieg er auf einen Hügel, schaute hinab auf Hof und Wirtschaft – und alles ging in Flammen auf.
Nun machte er sich auf zum zweiten Sohn. Er kam hin und fand die Mühle, den Teich und die Wirtschaft aufs beste bestellt. Der Sohn aber saß just vor der Mühle. Der Greis verneigte sich und sprach:
„Guter Mann, gebt mir eine Handvoll Brot! Ich bin ein armer Wanderer und habe nichts zu essen.“
„Es reicht für mich ja kaum“, entgegnete der Sohn. „Es kommen viele deinesgleichen. Wo käm ich hin, wollte ich allen etwas geben.“
Mit leeren Händen ging der Greis wieder fort. Er ging ein Stück, stieg auf einen Hügel, und als er hinabschaute, ging die Mühle in Rauch und Flammen auf.
Endlich kam er auch zum jüngsten Sohn. Der war sehr arm. Sein Häuschen war klein, aber sauber.
„Liebe Leute“, sprach der Greis, „gebt mir doch ein Krustel Brot!“
„Geh ins Haus, lieber Großvater“, sprach der Sohn, „dort wird man dir zu essen geben, lass es dir wohl sein“.
Der Greis trat ein, und als die Frau ihn so in Lumpen gekleidet sah, tat er ihr leid. Sie ging in die Vorratskammer, holte Hemd und Hose und gab sie ihm. Als er das Hemd anzog, sah sie auf seiner Brust eine große Wunde.
Sie setzten sich an den Tisch, und als sie gegessen und getrunken hatten, fragte der Mann den Greis: „Sag, Großvater, woher hast du die Wunde auf der Brust?“
„Ach“, antwortete er, „das ist eine Wunde, an der ich bald sterben muss. Nur noch einen Tag habe ich zu leben.“
„Welch ein Jammer!“ rief die Frau. „Gibt es denn keine Arznei dagegen?“
„Es gibt wohl eine“, sagte der Greis, „doch keiner mag sie mir verschaffen, obwohl es jeder könnte.“
„Warum denn nicht?“ sprach da der Mann. „Was ist es denn? So sag es uns doch!“
„Oh, das ist schwer! Wenn sich einer fände, der sein Haus mit allem Hab und Gut verbrennen würde und mir die Asche auf die Wunde legte, so schlösse sie sich bald und würde heilen.“
Das ging dem Sohne lange durch den Kopf. Er sann hin und her, dann sprach er: „Was sagst du dazu, liebe Frau?“
„Ein neues Haus können wir wieder erwerben“, sagte die Frau, „der gute Großvater aber stirbt und kommt nicht wieder auf die Welt.“
„Wenn wir denn eines Sinnes sind, so trag die Kinder aus dem Haus!“
Das taten sie und gingen selber hinterher. Als der Mann davorstand und sein Häuschen betrachtete, tat es ihm wohl leid, aber der Greis dauerte ihn noch mehr. Er nahm einen Strohwisch und steckte es an. Das Häuschen fing Feuer und verbrannte. An seiner Stelle aber erstand ein anderes mit weißen Mauern, groß und schön. Und der Greis stand da und lächelte in seinen Bart.
„Du bist der einzige von euch dreien, der vom wahren Weg nicht abgewichen ist. Es soll dir gut ergehen!“
Jetzt erkannte der Sohn seinen Pflegevater und wollte ihn freudig umarmen. Doch er verschwand vor seinen Augen und ward nie mehr gesehen.

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