Märchen

Von den drei Gesellen und ihren Träumen

By on 13. November 2016

Drei Gesellen wanderten durch die Welt, und sie hatten beschlossen, dass allen gehören solle, was einem von ihnen gehört, und dass sie Speise und Trank gerecht untereinander teilen wollten. Zwei von ihnen aber hatten es faustdick hinter den Ohren und wollten den dritten betrügen.
So gingen sie drei Tage miteinander und gelangten in einen tiefen Wald. Sie hatten nichts mehr zu essen, nur etwas Mehl war ihnen übriggeblieben. Sie machten also aus dem Mehl einen Teig, um daraus einen Laib Brot zu backen. Als das Brot buk, sagte einer von ihnen, der es faustdick hinter den Ohren hatte: „Wisst ihr was, Brüder, jetzt wollen wir ein bisschen schlummern, bis das Brot gebacken ist. Und wer den seltsamsten Traum haben wird, der darf das Brot essen.“
So beschlossen sie, legten sich hin und schliefen. Aber der dritte Geselle konnte vor Hunger nicht einschlafen. Er stand also auf, nahm das Brot aus der Asche, und weil dieses schon schön durchbacken war, aß er es auf einen Sitz auf und schlief zufrieden ein.
Dann wachten die beiden Gesellen auf, die es faustdick hinter den Ohren hatten, und begannen sich ihre Träume zu erzählen. Der erste sagte: „Ich hatte einen wunderschönen Traum. Mir träumte, dass ein Engel mit goldenen Flügeln herbeigeflogen ist und mich in den Himmel getragen hat. Dort aber war es so schön, die Engel sangen und tanzten, ich wollte gar nicht mehr auf die Erde zurück.“
Der zweite sagte: „Auch ich hatte einen seltsamen Traum. Der Teufel kam geflogen, holte mich und trug mich in die Hölle, und dort zeigte er mir, wie sich die sündigen Seelen quälen. Es war ein schrecklicher Traum.“ Und der erste meinte: „Beide Träume sind wirklich seltsam, das Brot gehört uns. Steh auf, Bruder!“ begannen sie den dritten zu wecken. Er tat, als schliefe er, in Wirklichkeit aber hatte er alles gehört.
„Erzähle, was du geträumt hast.“
„Wer ruft mich da?“ wunderte sich der dritte, „wo kommt ihr überhaupt her, Brüder?“
„Was sind das für Reden?“ meinten darauf die beiden Gesellen. „Wir haben doch hier mit dir im Gras gelegen und haben geschlafen.“
„Das ist wirklich seltsam“, schüttelte der dritte den Kopf. „Mir träumte, dass den einen von uns ein Engel holte und ihn in den Himmel trug und den zweiten der Teufel holte und in die Hölle trug. Es tat mir leid, dass ihr mich hier allein zurückgelassen habt, und so habe ich das Brot aus lauter Kummer selber aufgegessen. Natürlich habe ich das alles in Wirklichkeit nur geträumt.“

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