Märchen

Von den sechs rechtschaffenen Nachbarn

By on 6. November 2016

In einem Dorf lebten einmal sechs rechtschaffene Nachbarn, und diese sechs rechtschaffenen Nachbarn wussten über alles Bescheid, verstanden alles und kannten alles, nur etwas nicht, das war das Meer. Und so kamen sie eines Tages überein, dass sie sich das Meer ansehen wollen. Frühmorgens brachen sie auf. Und sie gingen und gingen und gingen, bis sie zu einem großen Feld kamen, und auf diesem Feld blühte Hanf.
Als die rechtschaffenen Nachbarn sahen, wie das große, blaue Feld vor ihnen wogte, riefen sie voll Freude: „Das Meer, das Meer!“
Und sofort zogen sie sich aus und sprangen kopfüber in den Hanf, um ihn zu durchschwimmen.
Nach einiger Zeit gelangten sie zu einem tiefen Brunnen.
„Donnerwetter, der ist aber tief“, meinte ein Nachbar.
„Dass ja keiner von uns da hineinfällt“, meinte der zweite.
„Und was, wenn einer von uns schon hineingefallen wäre?“ meinte der dritte.
„Das wollen wir gleich sehen, ich werde uns abzählen“, meinte der vierte und begann zu zählen: „Eins, zwei, drei, vier, fünf“, zählte er flink und zeigte mit dem Finger auf die Nachbarn. Er vergaß aber, auf sich selbst zu zeigen. „Fünf! Wehe! Einer von uns fehlt!“
„Warte“, meinte der fünfte Nachbar, „ich will noch einmal nachzählen.“
Und abermals zählte er und zeigte mit dem Finger: „Eins, zwei, drei, vier, fünf.“ Er vergaß aber, auf sich selbst zu zeigen. „Wehe, einer von uns ist in den Brunnen gefallen.“
„Dann wollen wir ihn rufen“, riet klug der sechste und beugte sich über den Brunnen. „Hallo, bist du hineingefallen?“
„Hineingefallen!“ ertönte aus dem Brunnen das Echo.
„Er ist drin“, meinte der Nachbar, „wir müssen ihn retten!“
Sie legten eine starke Stange über den Brunnen, der stärkste von ihnen hängte sich an die Stange, an ihn der zweite, an den der dritte, an den dritten der vierte und so weiter, bis der letzte schon fast am Boden war.
Aber der erste Nachbar, der sich an der Stange festhielt, konnte diese Last nicht mehr tragen und schrie:
„He, du da unten, siehst du ihn? Beeile dich, meine Hände schmerzen schon.“
„Ich sehe niemanden“, antwortete der letzte.
„Dann haltet euch alle ganz fest“, sagte der erste. „Ich muss mir in die Hände spucken.“
Und der Nachbar ließ die Stange los, um in die Hände zu spucken. Natürlich lagen im gleichen Augenblick alle auf dem Grund des Brunnens. Und sie wären dort bestimmt ertrunken, wenn dieser Brunnen keinen Grund aus Papier gehabt hätte. Aber dieser Brunnen war mit Papier unterlegt. Und so sind die Nachbarn bis hierher gefallen:
um uns ganz genau zu sagen, wie sie im Meer gebadet haben.

Französisches Märchen

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