Märchen

Warum der Habicht Hühner stiehlt

By on 30. Oktober 2016

Einmal lieh sich die Sonne vom Habicht hunderttausend Golddukaten. Weil sie sie lange nicht zurückgab, machte sich der Habicht nach einiger Zeit auf den Weg zur Schuldnerin, um sie zu mahnen. Als er jedoch zur Sonne kam, fand er sie schon hoch am Himmel.
„Komm morgen, wenn ich zu Hause bin“, rief ihm die Sonne entgegen. „Du siehst doch, dass ich am Himmel bin, ich kann nicht mehr umkehren.“
„Gut“, antwortete der Habicht und kam am nächsten Tag wieder. Doch abermals zu spät, die Sonne war schon wieder am Himmel. Und so ging das das ganze Jahr hindurch. Der Habicht konnte kommen, wann er wollte, nie erreichte er die Sonne zu Hause.
Eines Tages begegnete der Hahn dem Habicht, der gerade unterwegs zur Sonne war. Er grüßte ihn schön artig und sprach: „Hör, Habicht, weshalb gehst du eigentlich jeden Tag zur Sonne?“
„Ach, sie hat sich von mir hunderttausend Golddukaten geliehen, und jetzt will sie sie mir nicht zurückgeben“, antwortete der Habicht. „Jedes mal redet sie sich heraus, dass sie schon am Himmel ist und nicht wieder umkehren kann.“
„Warte, ich will dir helfen“, sagte der Hahn. „Bleib über Nacht bei mir, und in der Früh wecke ich dich, ehe die Sonne noch ihr Haus verlassen hat. Ich stehe ja immer vor Sonnenaufgang auf.“ So blieb der Habicht über Nacht beim Hahn. Früh am Morgen weckte ihn der Hahn: „Kikeriki! Steh auf, Habicht, die Sonne schläft noch, es ist früh!“
Der Habicht stand auf, dankte dem Hahn und ging zur Sonne. Und wirklich, die Sonne schlief noch. Der Habicht trat in die Hütte, weckte die Sonne und sagte: „Grüß Gott, Sonne, ich bin gekommen, um mein Geld zu holen.“
„Grüß Gott“, antwortete die Sonne. „Nun hast du mich wirklich zu Hause angetroffen. Aber bestimmt hat dir jemand geraten, so früh zu mir zu kommen, es kann gar nicht anders sein. Wenn du mir nicht sagst, wer das gewesen ist, bekommst du nichts!“
„Nun, wenn es wirklich nicht anders geht, will ich es dir sagen“, meinte der Habicht. „Der Hahn war es, er weckte mich so früh.“
„Gut, wenn dem so ist, dann will ich dir diese Schuld mit seinen Kindern bezahlen“, sagte die Sonne. „Vom heutigen Tage an sollen alle seine Hühnchen dir gehören.“
Was konnte der Habicht tun? Er war einverstanden, — und seit dieser Zeit stehlen die Habichte von den Hühnerhöfen kleine Hühner, gelb wie Golddukaten.

Märchen aus Nigeria

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