Märchen

Vom doppelten Almosen

By on 9. Oktober 2016

In einem Dorf wohnten zwei Nachbarsfrauen. Die eine war reich, aber geizig, die andere hätte mit jedermann ihr Herz geteilt, doch sie war arm. Einmal kam ein alter Bettler ins Dorf und bat die reiche Gevatterin um ein Stück Brot. Doch die fuhr ihn nur an: „Geh deines Weges, ich habe nichts zu verschenken!“
Also ging der Bettler zur armen Gevatterin. Diese bat den Bettler weiter in die Stube und gab ihm eine Scheibe Brot, die sie gerade für ihre Kinder zum Mittagessen vorbereitet hatte.
„Was ich habe, gebe ich gern“, sagte sie. „Viel ist es nicht, doch mehr habe ich nicht.“
Der Bettler bedankte sich schön, und als er schon in der Tür war, sprach er: „Gott segne dich, und was du jetzt zu tun beginnst, tue bis zum Sonnenuntergang.“
Dann ging der Bettler fort, und die arme Gevatterin dachte nach, was sie nun den Kindern zu essen geben solle. In der Hütte gab es nicht einmal mehr eine Kartoffel, auch kein Stückchen Brot war da. Das letzte hatte sie dem Bettler gegeben. Sie hatte nur noch ein paar Ellen Leinen, aus dem sie den Kindern Hemden nähen wollte. Doch was nützte das, der Mensch muß essen, und so beschloß sie, das Leinen zu verkaufen.
Sie nahm das Leinen und begann es zu messen. Sie maß und maß, doch das Leinen wurde nicht weniger. Sie maß bis zum Sonnenuntergang und hatte am Ende ein paar tausend Ellen davon. Da erinnerte sich sie an die Worte des Bettlers und erkannte, wie er sie belohnt hatte.
Die arme Gevatterin nahm das Leinen, verkaufte es auf dem Markt, kaufte zwei Kühe, ein Stück Feld, eine Wiese, und noch immer blieb ihr Geld übrig. Und sie lebte zufrieden mit ihren Kindern und war dem Bettler dankbar, weil er ihr geholfen hatte.
Dies erfuhr die reiche Nachbarsfrau, und da bereute sie, dass sie den Bettler davongejagt hatte.
Ein Jahr verging, und eines schönen Tages tauchte der Bettler wieder im Dorf auf. Die reiche Bäuerin sah ihn, und sofort lud sie ihn zu sich ein und bewirtete ihn mit allem, was sie an guten Dingen hatte. Der Bettler aß sich satt, bedankte sich schön, und als er bereits in der Tür war, sagte er wieder: „Gott segne dich, und was du jetzt zu tun beginnst, tue bis zum Sonnenuntergang.“
Die Gevatterin hatte bereits Leinen vorbereitet, und sie wollte es ebenfalls sofort auszumessen beginnen. Da lief eine Henne in die Stube, und die Gevatterin begann sie zu jagen. Sie jagte und jagte sie, doch das Huhn ging ihr immer wieder durch. Sie jagte es den ganzen Nachmittag. Und als sie das Huhn endlich „hinausgejagt hatte, ging gerade die Sonne unter.

Polnisches Märchen

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