Märchen

Vom Wuschelkopf und vom Hirsch mit dem goldenen Geweih

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2. Oktober 2016

Wuschelkopf war ein kleiner Junge. Er lebte bei einem Hirsch, und dieser Hirsch hatte ein goldenes Geweih. Der Hirsch ging jeden Tag auf die Waldwiese äsen, und wenn er aufbrach, ermahnte er Wuschelkopf, gut abzusperren und niemanden einzulassen. Wuschelkopf sperrte immer gut zu, und lange Zeit klopfte niemand an die Tür. Eines Tages klopfte aber doch jemand an die Tür, und als Wuschelkopf fragte, wer das sei, ertönten draußen liebliche Stimmchen:

„Wuschelkopf, Wuschelkind,
kalt ist’s, mach uns auf geschwind!
Nur zwei Finger stecken wir
in die Stube durch die Tür,
und dann gehn wir wieder.“

Doch Wuschelkopf wollte nicht öffnen. Und die Stimmchen draußen flehten noch lieblicher, und schließlich hätte ihnen Wuschelkopf gern geöffnet, doch er fürchtete sich vor dem Hirsch. Und so sagte er, er wolle ihnen nicht öffnen, nein und nein, auf keinen Fall.
Als dann der Hirsch heimkehrte, erzählte ihm Wuschelkopf, wie jemand an die Tür geklopft hatte und wie liebliche Stimmchen gebeten hatten, er möge ihnen öffnen, aber er hat nicht aufgemacht.
„Es war sehr gut, daß du nicht geöffnet hast, Wuschelkopf“, sagte der Hirsch. „Das waren die Hexen. Hättest du ihnen geöffnet, sie hätten dich fortgetragen.“
Wuschelkopf war froh, und als am nächsten Tag der Hirsch wieder auf die Waldwiese ging, versperrte er die Tür noch fester. Aber kurz darauf ertönten vor der Tür Stimmchen, und die waren noch lieblicher als gestern:

„Wuschelkopf, Wuschelkind,
kalt ist’s, mach uns auf geschwind!
Nur zwei Finger stecken wir
in die Stube durch die Tür,
und dann gehn wir wieder.“

Abermals sagte Wuschelkopf, er wolle nicht öffnen. Dabei hätte er ja doch gern geöffnet und sich diese Hexen angesehen, wie sie eigentlich ausschauen. Und da begannen die Hexen vor der Tür vor Kälte zu zittern und zu weinen, bis Wuschelkopf das Mitleid packte. Und so öffnete er ihnen schließlich doch ein ganz, ganz klein wenig die Tür, damit sie gerade zwei Fingerchen in die Stube stecken konnten. Die Hexen dankten ihm, steckten gleich zwei schneeweiße Finger zwischen die Tür, dann die ganze Hand, und schon waren sie in der Stube, fingen Wuschelkopf und liefen mit ihm davon. Und Wuschelkopf begann zu rufen:

„Hirsch mit goldenem Geweih,
hilf mir doch und steh mir bei!
Hörst du mich nicht klagen?
Wuschelkopf
Wuschelschopf
wird von Hexen fortgetragen.“

Der Hirsch äste in der Nähe. Er hörte Wuschelkopfs Rufe, lief schnell herbei und entriss Wuschelkopf den Hexen.
Zu Hause bekam der nichtsnutzige Wuschelkopf einen Denkzettel, damit er ein zweites Mal niemandem mehr öffne. Und Wuschelkopf nahm sich vor, nie mehr aufzumachen, selbst wenn die Hexen noch lieblicher bitten würden. Ein paar Tage kam niemand, bis eines Tages wieder Stimmen vor der Tür ertönten:

,,Wuschelkopf, Wuschelkind,
kalt ist’s, mach uns auf geschwind!
Nur zwei Finger stecken wir
in die Stube durch die Tür,
und dann gehn wir wieder.“

Aber Wuschelkopf tat, als hörte er nicht. Erst, als sie vor Kälte arg zu zittern begannen und noch mehr baten, er möge sie nur ein ganz klein wenig erwärmen lassen, sagte er, er wolle ihnen nicht öffnen, denn sie würden ihn wieder forttragen.
„Nein, wir tragen dich nicht fort“, sagten die Hexen. „Aber selbst, wenn wir es tun, müsstest du dich nicht fürchten. Bei uns ginge es dir besser als beim Hirsch, du hättest an allem Überfluss, und wir würden immer mit dir spielen.“
Wieder ließ sich Wuschelkopf überreden, öffnete ein ganz klein wenig, und im Nu waren die Hexen in der Stube. Sie fingen Wuschelkopf, liefen mit ihm davon und drohten ihm, sie würden ihn töten. Und Wuschelkopf rief abermals:

„Hirsch mit goldenem Geweih,
hilf mir doch und steh mir bei!
Hörst du mich nicht klagen?
Wuschelkopf
Wuschelschopf
wird von Hexen fortgetragen.“

Doch diesmal rief Wuschelkopf vergeblich. Der Hirsch äste weit weg, er hörte ihn nicht, und die Hexen schleppten ihn bis nach Hause. Wuschelkopf ging es bei den Hexen gut, das muss man zugeben. Sie fütterten ihn mit lauter Herrlichkeiten, aber das alles geschah nur, damit er dick werde, und dann wollten sie ihn verspeisen. Sie sperrten ihn in einen Stall, und keine spielte mit ihm. Als Wuschelkopf schon viele gute Sachen aufgegessen hatte und sehr dick geworden war, kamen die Hexen zu ihm, damit er ihnen seinen kleinen Finger zeige. Und da ihnen dieser dick genug vorkam, setzten sie ihn auf eine Schaufel und trugen ihn zum Ofen.
Wuschelkopf hatte große Angst, er bat sie, sie mögen Erbarmen mit ihm haben, doch sie kümmerten sich nicht darum. Da begann Wuschelkopf zu weinen, und er rief:

„Hirsch mit goldenem Geweih,
hilf mir doch und steh mir bei!
Hörst du mich nicht klagen?
Wuschelkopf
Wuschelschopf
wird von Hexen gleich gebraten.“

Da ertönten schnelle Sprünge. Der Hirsch mit dem goldenen Geweih lief herbei, legte Wuschelkopf Wuschelschopf auf das Geweih und eilte mit ihm nach Hause. Zu Hause bekam Wuschelkopf seinen Teil, weil er ungehorsam gewesen war, er weinte und versprach, dass er nun immer folgsam sein werde und niemandem mehr die Tür öffnen wolle. Und er hat sie auch wirklich nie mehr geöffnet.

Tschechisches Märchen

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