Märchen

Vom Bären, der Menschenblut trinken wollte

By on 4. September 2016

Einmal traf der Bär die Mücke, und der Bär meinte: „Hör, Mücke, du saugst doch ununterbrochen das Blut so vieler Tiere, sag mir, wessen Blut das süßeste ist.“
Die Mücke antwortete ihm: „Menschenblut ist das süßeste.“
„Gut“, meinte der Bär und zog auf Menschenblut aus.
Er traf einen kleinen Knaben.
„Halt! Bist du ein Mensch?“
„Ich bin noch keiner, aber ich werde einer sein!“ sagte der Knabe und gab sich stolz einen Ruck, als wollte er auf der Stelle zu einem ganzen Menschen heranwachsen.
„Recke dich nur“, brummte der Bär. „Mit dem, was erst sein wird, ist mir nicht gedient.“
Er ging weiter und traf einen alten Bettler.
„Halt! Bist du ein Mensch?“
„Ich war ein Mensch, aber ich bin keiner mehr“, sagte der Bettler und duckte sich, damit er nicht zu sehen sei.
„Ducke dich nur“, brummte der Bär. „Damit, was schon gewesen ist, kann ich nichts anfangen.“
Er ging weiter und begegnete einem Husaren auf einem Pferde.
„Halt! Wer bist du?“
„Ein Mensch mit Kopf!“ rief der Husar und gab dem Pferd die Sporen. Und der Bär flugs hinter ihm drein. Der Husar zog den Säbel und schlug auf den Bären ein, bis er blutete. Dann riss er noch das Gewehr von der Schulter und schoss dem Bären nach.
Und wieder traf der Bär die Mücke.
„Hör, Mücke“, meinte der Bär. „Möglich, dass Menschenblut wirklich das süßeste ist, aber mir ist der Appetit danach vergangen.“
„Ja warum denn?“ wunderte sich die Mücke.
„Weil der Mensch keinen Spaß versteht. Kaum hatte ich ihn angesprochen, da streckte er mir seine Zunge entgegen, und die war so lang, dass er mir mit ihr über die Schulter schlug, und so scharf, dass sie mir fast alle Knochen zerschlagen hätte. Und dann spuckte er mich an, so, dass es mir durchs Fell drang. Ein Wunder, dass es mich nicht das Leben gekostet hat.“

Slowakisches Märchen

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